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Fachwerkhof "Alt Kämpken" aus dem 17. Jahrhundert

In Hinsbeck – Hombergen im Naturpark Maas- Schwalm- Nette liegt etwa 300 m vom Krickenbecker See entfernt, ein alter Fachwerkhof mit dem Namen „Alt Kämpken“. Alte Pachtverträge beweisen, dass er mindestens seit 1683 zum Schloss Krickenbeck gehörte. Es ist aber zu vermuten, dass das Haus noch wesentlich älter ist. So taucht zum Beispiel in einem Erbvertrag von 1619 ein „Häuschen an der Dyck, wo das Wegegeld erhoben wurde“ auf, was sich sehr wahrscheinlich auf Alt Kämpken bezieht. Hier entlang verlief nämlich in früheren Jahren die Hauptwegestrecke von Hinsbeck nach Venlo, und in Alt Kämpken wurden der Zoll und das Wegegeld kassiert.

In alten Karten, die vor Mitte des 17. Jahrhunderts gezeichnet wurden, suchen wir vergeblich nach den Netteseen. Sie entstanden erst, als unsere Vorfahren in diesem Gebiet begannen, die Flachmoore zu nutzen und dort Torf zu stechen. So diente die Scheune zum Anwesen Alt Kämpken wohl als Torflager. Landwirtschaft wurde hier nur zum Eigenbedarf betrieben.
Seit 1973 ist die Scheune in der Liste der erhaltenswerten Baudenkmäler aufgenommen und in einem Schreiben vom 27.10.1975 stellte der Landeskonservator in Bonn fest, dass das Baudenkmal wegen seiner Bedeutung für Kunst, Geschichte und Wissenschaft im öffentlichen Interesse liegt. Dabei wurden als erhaltenswerte Eigenschaften die charakteristischen äußeren Erscheinungen von Hauptgebäude und Scheune angesprochen.

In diesem Jahr kauften Hildegard und Walter Tillmann aus VierAlt Kämpkenen den Hof. Sie restaurierten die Gebäude in liebevoller Kleinarbeit und verwandelten durch einen geeigneten Innenausbau die Scheune in einen Ausstellungsraum, der vom Oktober 78 an das Domizil für den Kunstkreis Hinsbeck wurde. Damit war auch der Landeskonservator sehr einverstanden, denn unter Denkmalschutz stehende Gebäude haben nur dann Bestand, wenn sie auch – mit der nötigen Sorgfalt – genutzt werden.

Bis Ende 1983, als der Kunstkreis seine Arbeit aus organisatorischen Gründen nicht mehr in dem bisherigen Rahmen fortführen wollte, fanden hier mehr als 30 erfolgreiche Kunstausstellungen statt, die bald eine stattliche Zahl von Stammbesuchern aufzuweisen hatten. Die Lage der Scheune im Naturpark Maas- Schwalm- Nette zog aber auch immer wieder Besucher an, die ursprünglich nur einen Spaziergang machen wollten und dabei mehr oder weniger zufällig auf die schönen Gebäude und die interessanten Ausstellungen stießen.
Inzwischen hatten die Eigentümer der Scheune „Ausstellungserfahrung“ gesammelt, sowohl als interessierte Beobachter des Kunstkreises, als auch mit eigenen Ausstellungen. Denn in etwa 25 Jahren Sammlertätigkeit waren mehr als 500 große und kleine, sehr alte und auch jüngere, dekorative und auch schlichte „ Zeugnisse aus der Entwicklungsgeschichte der niederrheinischen Textilmanufaktur“ zusammengekommen. Mit Teilen ihrer Sammlung waren Hildegard und Walter Tillmann in mehreren Städten der Umgebung, so auch in der Viersener Festhalle und der Werner- Jaeger- Halle in Lobberich, in der Burg Wegberg, im Gymnasium Waldniel und in der Albert Mooren- Halle, Oedt zu Gast. Jetzt, im April 1984, bekam diese Sammlung ihren festen Platz in der Scheune. Doch die Sammelstücke werden nicht nur einfach ausgestellt, hinter Glas verschlossen und mit einem Schild „Bitte nicht berühren“ versehen, die meisten von ihnen sind vielmehr voll funktionsfähig und viele werden von den Ausstellern immer wieder vorgeführt und erklärt. Auch die Besucher werden aufgefordert, Dinge selbst n die Hand zu nehmen, zu „begreifen“, auszuprobieren und sich damit zu
„erarbeiten“, wie schwierig oder körperlich anstrengend die meisten Arbeiten einst waren.
So entsteht auch nicht der Eindruck eines romantischen Heimatmuseums, wo die antiken Gerätschaften und Techniken aus der guten alten Zeit zu sehen sind, die heute im Zuge der Nostalgiewelle wiederentdeckt und zur kreativen Freizeitgestaltung genutzt werden.

Die Ausstellung in der Scheune versucht, die Geschichte und Tradition der Lebens- und Arbeitswelt
der Bewohner dieser Landschaft zu würdigen, indem sie dem Besucher ermöglicht, sich mit den Bemühungen und Leistungen der Menschen auseinanderzusetzen, die vor uns hier am Niederrhein gelebt und gearbeitet haben, für die handgewebte Stoffe das oft genug zu knappe tägliche Brot waren. Natürlich erfährt der Besucher auch einiges über das gesellige Zusammensein beim Spinnen oder über die Feste. die als Abschluss gelungener Arbeiten immer wieder dazugehörten. Staunend stellt man fest, welche großen handwerklichen Leistungen mit einfachen Geräten vollbracht wurden und wie sich die Menschen durch immer kompliziertere Geräte die Arbeit zu erleichtern versuchten. Doch trotz aller fortschreitenden Entwicklungen und Verbesserungen steckt in vielen modernen Maschinen immer noch die Grundidee der ersten Geräte. Hier hat jeder die Gelegenheit, sich mit seiner Position und Verantwortung im geschichtlichen Prozess seiner Umwelt auseinander zusetzen.
Um dieser Konzeption gerecht werden zu können und die Besucher nicht mehr mit einer Fülle von Informationen zu erschlagen, wird in jedem Jahr ein anderes Textilthema in den Mittelpunkt der Ausstellung gerückt.
Da die Gegend zwischen Maas und Rhein früher auch als „Flachsland“ bekannt war, erfuhren rund 8000 Gäste im ersten Jahr Interessantes zum Thema Flachs und Leinen. Walter Tillmann machte sich in historischen Schriften und Unterlagen und durch Gespräche mit alten Leuten sachkundig und demonstrierte immer wieder die nötigen Arbeitsschritte, um aus den harten Flachsstengeln feines Leinen zu gewinnen.  

Im nächsten Jahr waren lebendige Seidenraupen, die sich an Maulbeerblättern satt fraßen, sich einspannen und später als Schmetterlinge ausschlüpften, zusammen mit der Seidengewinnung und Verarbeitung die Attraktion für die Besucher. Feine Seide war die Grundlage der erfolgreichen Sammetweberei, hat Flachs-Leinen abgelöst und Krefeld und seinem Hinterland zu hohem Ansehen verholfen.1986 war dann das Jahr der Wolle, wo Schafe geschoren wurden und ganze Schulklassen das Spinnen mit der Handspindel erlernten.
1987 schließlich stand das Thema Baumwolle im Vordergrund, eine Faser, die charakteristisch ist für den Abschluss der Manufaktur und für die mit Macht einsetzende und fortschreitende Mechanisierung. Aber auch für die Verknüpfung unserer Heimat mit der Welt, mit den Menschen in fernen Ländern, von denen wir die Rohbaumwolle beziehen.

Die Sammlung der Zeugnisse aus der Entwicklungsgeschichte der Niederrheinischen Textilmanufaktur ist der erste Teil der Ausstellung Spinnen/Weben+Kunst.
Der zweite Teil befasst sich mit textiler Kunst, denn der Kunstbereich ist auch nach dem Auszug des Hinsbecker Kunstkreises in der Scheune nicht zu kurz gekommen. In jedem Jahr werden vier verschiedene Künstler oder Künstlergruppen eingeladen, ihre Werke den Besuchern vorzustellen.
Ergänzend zur Kunstfertigkeit unserer Vorfahren, unter schwierigen Bedingungen ihr Handwerk treu zu versehen, steht nun die Begabung, handwerkliche Fertigkeiten zu künstlerischen Aussagen zu gestalten.
So ändert sich das Gesicht der Scheune alle zwei Monate. Immer wieder neue interessante Ausstellungen laden ein, hinzuschauen, auszuprobieren und nachzudenken.

Hildegard und Walter Tillmann bemühen sich, auch niederländische Künstler einzuladen. Sie dokumentieren damit nicht nur die freundschaftlichen Beziehungen zu vielen holländischen Besuchern, sondern auch die regionale Verbundenheit im Naturpark Maas-Schwalm-Nette, der zugleich durchlässiges Grenzland ist. Die zeitintensive und manchmal auch mühevolle Arbeit in der  Scheune wird nicht durch „finanzielle Entschädigung“ belohnt – der Eintritt in die Ausstellung ist frei - und es werden auch keine öffentlichen Mittel in Anspruch genommen – sondern die Betreiber freuen sich mit ganzem Herzen über die 25000 Besucher bis Ende 1986, über die unverzichtbare Hilfe der Tagespresse und der Fachzeitschriften, über Berichte und Direktübertragungen in Funk und Fernsehen, über die goldene Jütenmedaille vom Verkehrs- und Verschönerungsvereins Hinsbeck e.V und über das Bundesverdienstkreuz, das Walter Tillmann Ende 1986 verliehen wurde.
1987 hat durch Vermittlung des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Hinsbeck e.V. eine Ausstellungspädagogin im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ihre Arbeit aufnehmen können, sodass nicht nur an Wochenenden und Feiertagen die Scheunentür für Besucher offen steht, sondern dass auch wochentags für angemeldete Gruppen, insbesondere Schulklassen, geöffnet ist und Führungen angeboten werden können.